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Mischlinge Szene I: Tag der Freiheit kontrastiert Deutsche der Nachkriegsgenerationen vor dem Hintergrund des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte – umgeben von Relikten des Dritten Reiches, und in einer an Ästhetik, die an Leni Riefenstahl angelehnt ist.

Unter den Porträtierten sind Nachfahren von Opfern des Nazi-Regimes und von Massenmördern; von Mitläufern, von Gegnern der Nazis und von Menschen die nie geahnt hätten, dass ihre Familien einmal deutsch würden. Vor allem aber sind sie Nachfahren: Von Schuld im wahren Sinne des Wortes kann bei ihnen keine Rede sein, denn sie haben sich „damals“ nichts zuschulde kommen lassen. Auch der Älteste unter ihnen war bei Kriegsende ein Kleinkind. Sie haben noch nicht einmal das, was damals geschah, zu verantworten: der Begriff „historische Verantwortung“ ist vielleicht im moralischen, aber sicher nicht im legalen Sinne auf sie übertragbar.

Diese Deutschen sind weder Täter noch Opfer. Wie könnte es auch anders sein? Die meisten von ihnen haben ihr gesamtes Leben in einem Musterland der Demokratie und des Wohlstands verbracht. Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, sogar Entbehrung, bezeichnen für sie nicht eigene Lebenserfahrung – es sind Worte die nur in Bezug auf weit entfernte Länder, oder eine noch weiter entferntere Vergangenheit Gebrauch finden.

Aber sie sind eben doch Nachfahren. Und Deutsche. Und als solche irgendwie mit der deutschen Vergangenheit verbunden. Eine Vergangenheit, deren lange Schatten bis in die Gegenwart reichen. Eine Vergangenheit, die sogar Nachfahren bis heute befangen macht.

Eine scheinbar einfache Frage bringt es an den Tag: „Wer ist Deutscher?“

„Damals“ war es die existenzielle Frage schlechthin – die Antwort konnte über das Schicksal eines Menschen, gar über Leben und Tod entscheiden. Als Nachfahr habe ich persönlich davon nichts erlebt, aber meine Familiengeschichte wimmelt von Fallbeispielen: Für meinen Urgroßonkel Siegfried Taub, den Generalsekretär der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakischen Republik, war die Antwort eine Einweg-Fahrkarte in ein Exil aus dem er nie in seine Heimat zurückkehren würde. Schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht in das spätere „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren wurde er in der NS-Propaganda als „der Saujude Taub“ verunglimpft.

Für Siegfrieds Neffen, meinen Großvater, wurde die Antwort auf diese Frage zum Todesurteil. Für meine Großmutter und Mutter bedeutete sie jeweils ein Witwendasein und eine Kindheit in Theresienstadt. Aber die Antwort änderte sich von einer Version Deutschlands zur anderen, mit einem paradoxen Resultat: Weniger als 20 Jahre nach Kriegsende, als meine Großmutter und Mutter aus der kommunistischen Tschechoslowakei in die Bundesrepublik entkamen, bedeutete die Antwort für sie die Anerkennnung der deutschen Volkszugehörigkeit per Ius Sanguinis – und somit die Möglichkeit, eine neue Existenz in Freiheit zu gründen.

Wer ist also Deutscher?“ Dolf Sternberger hat den Begriff „Verfassungspatriotismus“ geschaffen; Jürgen Habermas machte den Befriff während des Historikerstreits der späten 80er Jahre bekannt. Bis heute ist das Konzept einer, auf dem Grundgesetz begründeten, deutschen Identität relevant, aber nicht reell. Die Begriffe „Staatsangehörigkeit“ und „Volkszugehörigkeit“ sind nicht gleichbedeutend, wie zum Beispiel in den USA. Was meinen die Leute wohl wenn sie sagen, dass jemand „deutsch aussieht“? Und was meinen wohl deutsche Staatsbürger mit „Migrationshintergrund“ oder Deutsche, die augrund eines „aus einem anderen Kulturkreis“ stammenden Elternteils „anders“ aussehen, wenn sie, ohne es überhaupt zu merken, in gewissen Zusammenhängen über „die Deutschen“ sprechen.

Wer ist also Deutscher? Im Englischen gibt einen vielsagenden Ausdruck: „The elephant in the room“ – etwas Unübersehbares, das aber keiner bemerkt haben will. Unser „elephant in the room“ sind Überbleibsel völkischen Denkens. Die Begriffe „deutscher Staatsbürger“ und „Deutscher“ decken sich heutzutage mehr denn je, und sehr viel mehr als „damals“. Aber sie sind immer noch nicht gleichbedeutend.

Wir sind nur Nachfahren, aber eben auch Erben der „deutschen Vergangenheit“. Eine ambivalente Position. Jeder von uns empfindet diese Ambivalenz aufgrund seiner Herkunft, Einstellung und Persönlichkeit etwas anders, aber irgendwie trifft sie auf jeden von uns zu. Wenn wir alle etwas gemeinsam haben, dann in unserer Reaktion auf die Ambivalenz:  Befangenheit. Je nach Situation will der eine nicht ausgrenzen (oder zumindest nicht als ausgrenzend betrachtet werden!) und der andere nicht ausgegrenzt werden. Und so tappt man eben um die anderen, letztendlich auch um den eigenen Schatten, herum. So ist es eben mit dem langen Schatten der deutschen Vergangenheit.

Aber vielleicht geht es auch anders. Eine Lösung kann ich leider nicht anbieten, vielleicht aber einen Ansatz: Wir sind alle Mischlinge. Der „nordische Mensch“, den die Nazis uns als Ideal verkaufen wollten, war ein Fabelwesen.

Aber „Mischlinge“? So ein „historisch belastetes“ Wort (das befangen macht). Damit wurden doch Halb- und Vierteljuden laut den Nürnberger Rassengesetzen behaftet. Ja, ich benutze dieses Wort gerade weil es uns unserer Vergangenheit, und somit unserer heutigen Befangenheit vor Augen führt. Erst wenn man sich etwas bewusst ist, kann man darüber hinauswachsen.

Da kam mir die Idee, die Befangenheit mit den eigenen Waffen schlagen – mit Tacheles: Die Nazis haben damals die Zugehörigkeit zum deutschen Volk in Ahnenbüchern gesucht und, im Zweifelsfalle, durch anthropometrische Messungen (damals nannte man es „rassische Sichtungen“) geprüft. Die Darsteller in Mischlinge spucken darauf! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn jeder von ihnen hat sich einem autosomalen DNA-Speicheltest unterzogen. Dieser Test besagt klipp und klar, und angeblich auch viel genauer als Stammtafeln und Schieblehren, was die Abstammung eines Menschen ist. Und, siehe da, es hat sich rausgestellt, dass alle Darsteller Mischlinge sind: keiner stammt aus nur einem Teil der Welt; kaum jemand entspricht dem Ideal des „nordischen Menschen“; alle sind voneinander verschieden; eine wachsende Zahl hat Wurzeln außerhalb Europas.

Ich, zum Beispiel, bin 94% europäisch-jüdisch, 3% iberisch und 1% irisch. Mit den meisten meiner Mitbürger habe ich wenig an Abstammung gemein; mit vielen aber etwas – weil ein kleiner Teil ihrer Wurzeln europäisch-jüdisch ist.

Mit „klein“ meine ich einen Anteil zwischen 1 und 4%. Aber auch ein solch kleiner Anteil konnte große Konsequenzen nach sich ziehen. Vorbedingung für ein höheres Amt in der NSDAP war, dass kein Urururgroßelternteil jüdisch sein sollte. Urururgroßelternteil = 5 Generationen = 32 Vorfahren in der 5. Generation. Hätte man DNA-Tests verwendet, entspräche dies einer Toleranzschwelle von 3,125%. In der SS musste ein „judenreiner“ Stammbaum bis 1750 nachgewiesen werden. Nehmen wir das Jahr 1940 und rechnen auf das Jahr 1750 zurück: 190 Jahre, also mindestens 7 Generationen, entspricht 128 Vorfahren in der 7. Generation, und einer Toleranzschwelle von 0,8%.

Man kann auch nicht vom Äußeren auf die Abstammung schließen: einige Darsteller die so „arisch“ aussehen, dass sie für Arno Breker oder Josef Thorak Modell gestanden haben könnten, wurden aufgrund des Tests als osteuropäisch „entlarvt.“

Die scheinbar Ungemischtesten unter den „Prüflingen“ sind übrigens Juden (Verzeihung: „Deutsche mit jüdischem Hintergrund“): die Karen Ardinast zwar „nur“ 72%, alle anderen dafür aber mehr als 90%; der Dachau-Überlebende und D-Day Veteran Werner Kleeman sogar 100%. Wie gesagt aber nur „scheinbar“, denn auch sie sind Mischlinge: Die Kategorie „europäisch-jüdisch“ stammt in der väterlichen genetischen Linie vornehmlich aus Palästina, und in der mütterlichen aus dem westlichen Mittelmeerraum.

Derartige Berechnungen und Gedankenwege scheinen absurd? Das ist der Punkt! Die „Rassentheorie“ ist nämlich absurd. Aber sie ist für das „damals“ definierend, und hatte ganz existenzielle Konsequenzen. Wenn rechtsextreme Parteien und Organisationen konsequent wären, dann wären autosomale DNA-Tests eine Vorbedingung für eine Mitgliedschaft. Von den Darstellern in „Mischlinge“ zu schließen, gäbe es viele Enthüllungen – und Ausschließungen. Ferner wäre es begrüßenswert, wenn die Führungsriegen solcher Parteien und Organisationen den Mut hätten ihre eigene Herkunft offenzulegen, und ihre Testresultate zu veröffentlichen. Man will ja keine Falschwerbung betreiben…

Da wir von Enthüllungen sprechen: der wohl einzigartigste Porträtierte in Mischlinge ist Patrick Lasch. Der wurde in einem Lebensbornheim regelrecht als nordischer Mensch gezüchtet und nach SS-Ritus auf den Namen sympathischen Attila „geweiht.“ Regelrecht ein Kind für den Führer. Er wurde von demselben auch kurz nach seiner Geburt auf die Arme gelegt und als „echter deutscher Bub!“ bezeichnet. Laut DNA-Test steckt im Lebensbornkind Patrick/Attila zwar viel Nord- und Westeuropa, aber eben auch 31% Osteuropa, 3% Italien/Griechenland, 3% Iberische Halbinsel… und 1% europäisch-jüdisch. Über das eine Prozent hat sich Patrick besonders gefreut. Der Führer hätte ihn wohl vor Schreck fallengelassen.

Wer ist also Deutscher? Vielleicht eines Tages jemand, der das Wort „Volk“ unbefangen, sogar selbstverständlich in den Mund nimmt – und damit ganz verschiedene Menschen meint, die „nur“ eines vereint: dass sie die Werte unseres Grundgesetzes kennen, schätzen und teilen. Jemand der ganz selbstverständlich unser Schwarz-Rot-Gold hisst, und sich dessen besinnt, dass Schwarz und Rot je für Knechtschaft und blutige Kriege standen – das den Nazis (bis heute!) so verhasste Gold aber das goldene Licht der Freiheit bedeutete.

Jemand, der ganz selbstverständlich, von „deutschen Werten“ spricht – damit aber nicht irgendwelche Sekundärtugenden wie Ordnung und Disziplin meint, sondern die universellen Werte unserer Republik. Jemand, der beim Anblick unserer Nationalelf noch nicht einmal mehr bemerkt, wie „bunt die Truppe“ ist – sondern, ganz selbstverständlich, in ihnen eben einzelne deutsche Mischlinge sieht, so wie er selbst einer ist. Mischlinge die sich, als Mannschaft vereint, den fünften Stern auf ihren Trikots verdienen. Vielleicht sind wir noch nicht ganz so weit… aber bis zur nächsten WM sind ja noch vier Jahre.

Eine Mercury Produktion

Gestaltung, Kamera: Marc Erwin Babej

Mit Texten von: Dr. Karamba Diaby (Member of the Bundestag), Prof. Dr. Thomas Kühne, Asi Meskin, Ray Müller und Collien Ulmen-Fernandes
Historischer Berater: Prof. Dr. Volker Berghahn
Schnitt: Rebecca Sternthal
Regieassistenz: Alex Vanderheyden
Produktionsassistenz: Katie Stretton
Aufnahmeleiter: Gloria Bialas, Matteo Canalis Wandel, Martin Chaudhuri, Kai Hampel, Roman Hövel, Martin Jäger, Kirsten John-Stucke, Markus Moors, Dr. Philipp Neumann-Thein, Majer Szankower

Darsteller
Pina Akin
Karen Ardinast
Dr. Karamba Diaby (MdB)
Collien Ulmen-Fernandes
Gabriela Goldenber
Rainer Höß
Danai Kadzere
Patrick “Attila” Lasch
Asi Meskin
Cem Özdemir (MdB)
Janina Scheuer
Siegfried Wittenburg

  • In Erinnerung an meinen Großvater, Erwin Taub
    … (r. mit seinem kleinen Bruder Felix) – Marienbad, 1935. Dies ist das einzige verbliebene Bild meines Großvaters. Alle drei Gebrüder Taub starben im Holocaust.
    In Erinnerung an meinen Großvater, Erwin Taub
  • Erwins Todesfallanzeige
    … aus dem Ghetto Theresienstadt, 1943.
    Erwins Todesfallanzeige
  • Am Grab meiner Großmutter
    Erwin hat kein Grab im eigentlichen Sinne: seine Aschen wurden kurz vor Kriegsende mit den Aschen von 22,000 anderen in Theresienstadt verstorbenen, in die Eger geworfen. Anna hat Erwin um 62 Jahre überlebt. Sie hat nie wieder geheiratet. Heute wird Erwins auf ihrem Grabstein gedacht. Im Neuen Jüdischen Friedhof, Frankfurt.
    Am Grab meiner Großmutter
  • Ehrung der Selbstmörder
    Die Frankfurterinnen Karen Ardinast und Gabriela Goldenberg im Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt. Deutsche Juden hatten eine ziemlich klare Vorstellung was eine Deportation “nach Osten” bedeutete. Etwa 800 Frankfurter Juden zogen den Freitod ihrer bevorstehenden Deportation vor. Üblicherweise werden Selbstmörder in einem fernen Winkel eines jüdischen Friedhofs begraben. Aber in Frankfurt wurde dieses, nie vorhergesehe Motiv, anerkannt: die Gräber befinden sich im vorderen Teil des Friedhofsareals. Gabi und Karen, haben selber weite Teile ihrer Familien im Holocaust verloren. Karens Großmutter hat Treblinka überlebt. Karen Ardinast: 72% Eur.-Jüd., 17% O-Eur., 6% N.-Eur., 3% W-Eur., 2% Ib. Gabriela Goldenberg: 94% Eur.-Jüd.; 4% It./Gr.
    Ehrung der Selbstmörder
  • Der Befreier
    Werner Kleeman mit Janina Scheuer am 6. Juni 2014, vor seinem Haus in Queens, NY. Vor genau 70 Jahren landete der Dachau-Überlebende Werner Kleeman als Soldat der 4. US-Infantriedivision auf Utah Beach in der Normandie. An diesem Tag sprachen Janina und ich ihm unseren Dank aus. Werner, hier mit seinem Pass (innen mit dem "J"-Stempel gekennzeichnet) wurde aus seiner Heimat verstoßen. Aber kehrte zurück, um Deutschen wie uns ein Leben in Freiheit zu schenken. Danke, Werner – wir werden es nie vergessen. Werner Kleeman: 100% Eur.-Jüd. Janina Scheuer: 83% W-Eur., 6% Ib., 2% je Eur.-Jüd., N-Eur. und It./Gr.
    Der Befreier
  • Die politische Führungskraft 1
    Cem Özdemir (M.d.B.) auf der Ehrentribüne des Berliner Olympiastadions. … 84% Kauk., 13% It./Gr., 1% M.O.
    Die politische Führungskraft 1
  • Die politische Führungskraft 2
    Cem Özdemir (M.d.B.) im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium. Die Lampe zur Linken von Özdemir ist eigentlich ein Flugabwehrscheinwerfer. … 84% Kauk., 13% It./Gr., 1% M.O.
    Die politische Führungskraft 2
  • Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes
    … im Hof des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums – jetzt Detlev-Rohwedder- Haus, Sitz des Bundesministeriums der Finanzen. … 55% S-Asien, 18% N-Eur., 11% W-Eur., 5% Irl., 4% Ib., 2% O-Asien
    Die Moderatorin und Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes
  • Rainer Höß
    … der Enkel von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, am Stacheldrahtzaun des KZ Buchenwald. Die tätowierten Nummern sind die von Auschwitz-Überlebenden denen er sich verbunden fühlt. … 35% W-Eur., 33% O-Eur., 21% N-Eur., 7% It./Gr., 4% Ib.
    Rainer Höß
  • Die Schauspielerin Pina Akin
    … 67% Kauk., 18% It./Gr., 4% Eur.-Jüd., 3% M.O.
    Die Schauspielerin Pina Akin
  • Der Bahnbrecher
    Dr. Karamba Diaby, M.d.B., eines der ersten beiden Bundestagsmitglieder mit “Migrationshintergrund” aus Afrika, am Denkmal zur Erinnerung an 96 von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete vor dem Reichstag. … 69% Senegal, 29% Mali
    Der Bahnbrecher
  • Das Lebensbornkind 1
    Patrick (urspr. Attila) Lasch in der Gruft des geplanten SS-Versammlungsortes Wewelsburg. … 39% W-Eur., 31% OEur., 21% N-Eur., 3% Ib., 3% It./ Gr., 1% Eur.-Jüd.
    Das Lebensbornkind 1
  • Das Lebensbornkind 2
    Patrick (urspr. Attila) Lasch inmitten der „Schwarzen Sonne” im geplanten SS-Versammlungsort Wewelsburg. … 39% W-Eur., 31% OEur., 21% N-Eur., 3% Ib., 3% It./ Gr., 1% Eur.-Jüd.
    Das Lebensbornkind 2
  • Die Schauspielerin Danai Kadzere
    … kurz nach ihrem Abschluß im Fach Evolutionsbiologie an der Harvard University. … 29% Bantu, 20% N-Eur., 16% O-Eur., 10 Kamerun/Kongo, 6% Irl., 6% Nigeria, 4% W-Eur.
    Die Schauspielerin Danai Kadzere
  • Der Zeitzeuge
    Der Fotograf und DDR-Regimekritiker Siegfried Wittenburg in der Ehrenhalle des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. … 65% O-Eur., 25% N-Eur., 5% W-Eur.
    Der Zeitzeuge
  • Der deutsch-israelische Rockmusiker Asi Meskin
    … 93% Eur.-J., 3% It./Gr., 2% N-Eur., 1% Irl.
    Der deutsch-israelische Rockmusiker Asi Meskin

Mischlinge Szene I: Tag der Freiheit kontrastiert Deutsche der Nachkriegsgenerationen vor dem Hintergrund des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte – umgeben von Relikten des Dritten Reiches, und in einer an Ästhetik, die an Leni Riefenstahl angelehnt ist.

Unter den Porträtierten sind Nachfahren von Opfern des Nazi-Regimes und von Massenmördern; von Mitläufern, von Gegnern der Nazis und von Menschen die nie geahnt hätten, dass ihre Familien einmal deutsch würden. Vor allem aber sind sie Nachfahren: Von Schuld im wahren Sinne des Wortes kann bei ihnen keine Rede sein, denn sie haben sich „damals“ nichts zuschulde kommen lassen. Auch der Älteste unter ihnen war bei Kriegsende ein Kleinkind. Sie haben noch nicht einmal das, was damals geschah, zu verantworten: der Begriff „historische Verantwortung“ ist vielleicht im moralischen, aber sicher nicht im legalen Sinne auf sie übertragbar.

Diese Deutschen sind weder Täter noch Opfer. Wie könnte es auch anders sein? Die meisten von ihnen haben ihr gesamtes Leben in einem Musterland der Demokratie und des Wohlstands verbracht. Krieg, Verfolgung, Unterdrückung, sogar Entbehrung, bezeichnen für sie nicht eigene Lebenserfahrung – es sind Worte die nur in Bezug auf weit entfernte Länder, oder eine noch weiter entferntere Vergangenheit Gebrauch finden.

Aber sie sind eben doch Nachfahren. Und Deutsche. Und als solche irgendwie mit der deutschen Vergangenheit verbunden. Eine Vergangenheit, deren lange Schatten bis in die Gegenwart reichen. Eine Vergangenheit, die sogar Nachfahren bis heute befangen macht.

Eine scheinbar einfache Frage bringt es an den Tag: „Wer ist Deutscher?“

„Damals“ war es die existenzielle Frage schlechthin – die Antwort konnte über das Schicksal eines Menschen, gar über Leben und Tod entscheiden. Als Nachfahr habe ich persönlich davon nichts erlebt, aber meine Familiengeschichte wimmelt von Fallbeispielen: Für meinen Urgroßonkel Siegfried Taub, den Generalsekretär der Deutschen Sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakischen Republik, war die Antwort eine Einweg-Fahrkarte in ein Exil aus dem er nie in seine Heimat zurückkehren würde. Schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht in das spätere „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren wurde er in der NS-Propaganda als „der Saujude Taub“ verunglimpft.

Für Siegfrieds Neffen, meinen Großvater, wurde die Antwort auf diese Frage zum Todesurteil. Für meine Großmutter und Mutter bedeutete sie jeweils ein Witwendasein und eine Kindheit in Theresienstadt. Aber die Antwort änderte sich von einer Version Deutschlands zur anderen, mit einem paradoxen Resultat: Weniger als 20 Jahre nach Kriegsende, als meine Großmutter und Mutter aus der kommunistischen Tschechoslowakei in die Bundesrepublik entkamen, bedeutete die Antwort für sie die Anerkennnung der deutschen Volkszugehörigkeit per Ius Sanguinis – und somit die Möglichkeit, eine neue Existenz in Freiheit zu gründen.

Wer ist also Deutscher?“ Dolf Sternberger hat den Begriff „Verfassungspatriotismus“ geschaffen; Jürgen Habermas machte den Befriff während des Historikerstreits der späten 80er Jahre bekannt. Bis heute ist das Konzept einer, auf dem Grundgesetz begründeten, deutschen Identität relevant, aber nicht reell. Die Begriffe „Staatsangehörigkeit“ und „Volkszugehörigkeit“ sind nicht gleichbedeutend, wie zum Beispiel in den USA. Was meinen die Leute wohl wenn sie sagen, dass jemand „deutsch aussieht“? Und was meinen wohl deutsche Staatsbürger mit „Migrationshintergrund“ oder Deutsche, die augrund eines „aus einem anderen Kulturkreis“ stammenden Elternteils „anders“ aussehen, wenn sie, ohne es überhaupt zu merken, in gewissen Zusammenhängen über „die Deutschen“ sprechen.

Wer ist also Deutscher? Im Englischen gibt einen vielsagenden Ausdruck: „The elephant in the room“ – etwas Unübersehbares, das aber keiner bemerkt haben will. Unser „elephant in the room“ sind Überbleibsel völkischen Denkens. Die Begriffe „deutscher Staatsbürger“ und „Deutscher“ decken sich heutzutage mehr denn je, und sehr viel mehr als „damals“. Aber sie sind immer noch nicht gleichbedeutend.

Wir sind nur Nachfahren, aber eben auch Erben der „deutschen Vergangenheit“. Eine ambivalente Position. Jeder von uns empfindet diese Ambivalenz aufgrund seiner Herkunft, Einstellung und Persönlichkeit etwas anders, aber irgendwie trifft sie auf jeden von uns zu. Wenn wir alle etwas gemeinsam haben, dann in unserer Reaktion auf die Ambivalenz:  Befangenheit. Je nach Situation will der eine nicht ausgrenzen (oder zumindest nicht als ausgrenzend betrachtet werden!) und der andere nicht ausgegrenzt werden. Und so tappt man eben um die anderen, letztendlich auch um den eigenen Schatten, herum. So ist es eben mit dem langen Schatten der deutschen Vergangenheit.

Aber vielleicht geht es auch anders. Eine Lösung kann ich leider nicht anbieten, vielleicht aber einen Ansatz: Wir sind alle Mischlinge. Der „nordische Mensch“, den die Nazis uns als Ideal verkaufen wollten, war ein Fabelwesen.

Aber „Mischlinge“? So ein „historisch belastetes“ Wort (das befangen macht). Damit wurden doch Halb- und Vierteljuden laut den Nürnberger Rassengesetzen behaftet. Ja, ich benutze dieses Wort gerade weil es uns unserer Vergangenheit, und somit unserer heutigen Befangenheit vor Augen führt. Erst wenn man sich etwas bewusst ist, kann man darüber hinauswachsen.

Da kam mir die Idee, die Befangenheit mit den eigenen Waffen schlagen – mit Tacheles: Die Nazis haben damals die Zugehörigkeit zum deutschen Volk in Ahnenbüchern gesucht und, im Zweifelsfalle, durch anthropometrische Messungen (damals nannte man es „rassische Sichtungen“) geprüft. Die Darsteller in Mischlinge spucken darauf! Im wahrsten Sinne des Wortes, denn jeder von ihnen hat sich einem autosomalen DNA-Speicheltest unterzogen. Dieser Test besagt klipp und klar, und angeblich auch viel genauer als Stammtafeln und Schieblehren, was die Abstammung eines Menschen ist. Und, siehe da, es hat sich rausgestellt, dass alle Darsteller Mischlinge sind: keiner stammt aus nur einem Teil der Welt; kaum jemand entspricht dem Ideal des „nordischen Menschen“; alle sind voneinander verschieden; eine wachsende Zahl hat Wurzeln außerhalb Europas.

Ich, zum Beispiel, bin 94% europäisch-jüdisch, 3% iberisch und 1% irisch. Mit den meisten meiner Mitbürger habe ich wenig an Abstammung gemein; mit vielen aber etwas – weil ein kleiner Teil ihrer Wurzeln europäisch-jüdisch ist.

Mit „klein“ meine ich einen Anteil zwischen 1 und 4%. Aber auch ein solch kleiner Anteil konnte große Konsequenzen nach sich ziehen. Vorbedingung für ein höheres Amt in der NSDAP war, dass kein Urururgroßelternteil jüdisch sein sollte. Urururgroßelternteil = 5 Generationen = 32 Vorfahren in der 5. Generation. Hätte man DNA-Tests verwendet, entspräche dies einer Toleranzschwelle von 3,125%. In der SS musste ein „judenreiner“ Stammbaum bis 1750 nachgewiesen werden. Nehmen wir das Jahr 1940 und rechnen auf das Jahr 1750 zurück: 190 Jahre, also mindestens 7 Generationen, entspricht 128 Vorfahren in der 7. Generation, und einer Toleranzschwelle von 0,8%.

Man kann auch nicht vom Äußeren auf die Abstammung schließen: einige Darsteller die so „arisch“ aussehen, dass sie für Arno Breker oder Josef Thorak Modell gestanden haben könnten, wurden aufgrund des Tests als osteuropäisch „entlarvt.“

Die scheinbar Ungemischtesten unter den „Prüflingen“ sind übrigens Juden (Verzeihung: „Deutsche mit jüdischem Hintergrund“): die Karen Ardinast zwar „nur“ 72%, alle anderen dafür aber mehr als 90%; der Dachau-Überlebende und D-Day Veteran Werner Kleeman sogar 100%. Wie gesagt aber nur „scheinbar“, denn auch sie sind Mischlinge: Die Kategorie „europäisch-jüdisch“ stammt in der väterlichen genetischen Linie vornehmlich aus Palästina, und in der mütterlichen aus dem westlichen Mittelmeerraum.

Derartige Berechnungen und Gedankenwege scheinen absurd? Das ist der Punkt! Die „Rassentheorie“ ist nämlich absurd. Aber sie ist für das „damals“ definierend, und hatte ganz existenzielle Konsequenzen. Wenn rechtsextreme Parteien und Organisationen konsequent wären, dann wären autosomale DNA-Tests eine Vorbedingung für eine Mitgliedschaft. Von den Darstellern in „Mischlinge“ zu schließen, gäbe es viele Enthüllungen – und Ausschließungen. Ferner wäre es begrüßenswert, wenn die Führungsriegen solcher Parteien und Organisationen den Mut hätten ihre eigene Herkunft offenzulegen, und ihre Testresultate zu veröffentlichen. Man will ja keine Falschwerbung betreiben…

Da wir von Enthüllungen sprechen: der wohl einzigartigste Porträtierte in Mischlinge ist Patrick Lasch. Der wurde in einem Lebensbornheim regelrecht als nordischer Mensch gezüchtet und nach SS-Ritus auf den Namen sympathischen Attila „geweiht.“ Regelrecht ein Kind für den Führer. Er wurde von demselben auch kurz nach seiner Geburt auf die Arme gelegt und als „echter deutscher Bub!“ bezeichnet. Laut DNA-Test steckt im Lebensbornkind Patrick/Attila zwar viel Nord- und Westeuropa, aber eben auch 31% Osteuropa, 3% Italien/Griechenland, 3% Iberische Halbinsel… und 1% europäisch-jüdisch. Über das eine Prozent hat sich Patrick besonders gefreut. Der Führer hätte ihn wohl vor Schreck fallengelassen.

Wer ist also Deutscher? Vielleicht eines Tages jemand, der das Wort „Volk“ unbefangen, sogar selbstverständlich in den Mund nimmt – und damit ganz verschiedene Menschen meint, die „nur“ eines vereint: dass sie die Werte unseres Grundgesetzes kennen, schätzen und teilen. Jemand der ganz selbstverständlich unser Schwarz-Rot-Gold hisst, und sich dessen besinnt, dass Schwarz und Rot je für Knechtschaft und blutige Kriege standen – das den Nazis (bis heute!) so verhasste Gold aber das goldene Licht der Freiheit bedeutete.

Jemand, der ganz selbstverständlich, von „deutschen Werten“ spricht – damit aber nicht irgendwelche Sekundärtugenden wie Ordnung und Disziplin meint, sondern die universellen Werte unserer Republik. Jemand, der beim Anblick unserer Nationalelf noch nicht einmal mehr bemerkt, wie „bunt die Truppe“ ist – sondern, ganz selbstverständlich, in ihnen eben einzelne deutsche Mischlinge sieht, so wie er selbst einer ist. Mischlinge die sich, als Mannschaft vereint, den fünften Stern auf ihren Trikots verdienen. Vielleicht sind wir noch nicht ganz so weit… aber bis zur nächsten WM sind ja noch vier Jahre.

Eine Mercury Produktion

Gestaltung, Kamera: Marc Erwin Babej

Mit Texten von: Dr. Karamba Diaby (Member of the Bundestag), Prof. Dr. Thomas Kühne, Asi Meskin, Ray Müller und Collien Ulmen-Fernandes
Historischer Berater: Prof. Dr. Volker Berghahn
Schnitt: Rebecca Sternthal
Regieassistenz: Alex Vanderheyden
Produktionsassistenz: Katie Stretton
Aufnahmeleiter: Gloria Bialas, Matteo Canalis Wandel, Martin Chaudhuri, Kai Hampel, Roman Hövel, Martin Jäger, Kirsten John-Stucke, Markus Moors, Dr. Philipp Neumann-Thein, Majer Szankower

Darsteller
Pina Akin
Karen Ardinast
Dr. Karamba Diaby (MdB)
Collien Ulmen-Fernandes
Gabriela Goldenber
Rainer Höß
Danai Kadzere
Patrick “Attila” Lasch
Asi Meskin
Cem Özdemir (MdB)
Janina Scheuer
Siegfried Wittenburg